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Das hallesche Alte Rathaus und sein Barockflügel

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Halle (Saale)

Autor: Dieter Dolgner

Dr. Dieter Dolgner, emeritierter Professor für Kunstgeschichte an der Universität Halle-Wittenberg, stellte dem Förderverein der Stiftung Altes Rathaus Halle (Saale) nachfolgenden Beitrag zur Verfügung. Dieser wurde auszugsweise auch in der MZ vom 28.9.2020 (Seite 11) veröffentlicht.

Dieter Dolgner
Das hallesche Alte Rathaus und sein Barockflügel
Vor 70 Jahren erfolgte in einem Akt finsterster Kulturbarbarei der Abriss
In nördlicher Verlängerung der Großen Märkerstraße nahmen seit dem Mittelalter das Rathaus, die Ratskapelle zum Heiligen Kreuz und das Waagegebäude an städtebaulich exponierter Stelle die Ostseite des halleschen Marktplatzes ein. 1702–1705 erweiterte man den Gebäudekomplex entlang der Leipziger Straße um den sogenannten „Barockflügel“ und 1928–1930 entstand als moderner Funktionsbau östlich des Hofes an der Stelle des Ratsmarstalls der Ratshof.

   Als Ort und Symbol der kommunalen Selbstbestimmung, als Sitz der Verwaltung, Handelsorganisation, Kultur und Geselligkeit konnte dieses historisch gewachsene Ensemble stets die besondere Aufmerksamkeit von Magistrat und Bürgerschaft beanspruchen. Mit Schaugiebel, Loggia und Turm bildete die Baugruppe – vermittelt durch den markanten Roten Turm – ein Gegengewicht zum geistlichen Zentrum der Stadt mit St. Marien an der Westseite des Marktes. In der differenzierten, in einzelne Funktions- und Erlebnisbereiche gegliederten Struktur des öffentlichen Stadtraums war die einstige östliche Begrenzung mit ihrer lebendigen Silhouette, ihrem intimen Charakter und menschlichen Maßstab ein unverzichtbarer Bestandteil.

   Der Luftangriff vom 31. März 1945 zog auch die Gebäudegruppe der Stadtverwaltung in Mitleidenschaft. Teile wurden zerstört, andere mehr oder weniger schwer beschädigt, andere wiederum blieben wie durch ein Wunder nahezu unversehrt – wie der Barockflügel an der Leipziger Straße. Ratskapelle und Loggia befanden sich trotz der Schäden noch in einem stabilen Zustand.

   In der Frage des Umgangs mit der entstandenen Situation waren sich die Verantwortungsträger zwar darin einig, dass die Trümmerwüste rasch beseitigt und die störende Lücke wieder geschlossen werden müsse, doch prallten die konträren Meinungen hart aufeinander, sobald sich die Erörterung der Art und Weise der an sich als notwendig anerkannten Baumaßnahme zuwandte. Favorisierten die einen den denkmalgerechten Wiederaufbau des Rathauses, plädierten die anderen für den Totalabriss und ein „neues Bauwerk aus dem Geiste unserer Zeit“, was immer man darunter auch verstehen mochte. Der Landeskonservator Wolf Schubert engagierte sich als Sprecher der Denkmalpflege. Die Gegenseite forderte von Anfang an nicht nur die Neubebauung der beräumten Rathausfläche, sondern auch die Umgestaltung des gesamten Marktplatzes und seiner Umgebung und entwickelt für dieses abwegige Vorhaben geradezu gruselige Szenarien. Zu dieser Partei zählten Stadtbaurat Adolf Heilmann und die zu Hilfe gerufenen Direktoren der Kunstschulen in Weimar und Halle Hermann Henselmann und Hanns Hopp. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang immerhin die Tatsache, dass sich gerade diese beiden Architekten für eine modernistische Radikallösung und gegen die Ansprüche der historischen Identität aussprachen, dienten sie sich doch wenige Jahre später als Stararchitekten der Berliner Stalinallee im Zuge der verstärkten Ideologisierung von Architektur der sogenannten „nationalen Tradition“ nach sowjetischem Vorbild um so eilfertiger an. Zu diesen unerquicklichen Typen der Wendehälse und Mantelwindhänger gehörte leider auch der damalige Stadtbaurat Heilmann.

   Nach verschiedenen ungeeigneten Vorschlägen hoffte man, das Problem des Rathausbaus und der Neugestaltung des Platzes auf dem Wege eines Architekturwettbewerbs lösen zu können, der am 9. Juli 1947 unter deutschen Architekten ausgeschrieben wurde. Bis zum Abgabetermin am 1. November 1947 gingen 112 Beiträge ein. Trotz der Spannweite der Angebote, die von der vollständigen Wiederherstellung des historischen Rathausensembles über die Bewahrung von Teilen, zum Beispiel des unbeschädigten Barockflügels, bis zur totalen Beseitigung aller Reste und der  kompromisslosen Neubebauung reichten, war das Ergebnis insgesamt nicht gerade ermutigend. Das Preisgericht, dem unter anderen die namhaften Architekten Heinrich Tessenow und Hans Scharoun aus Berlin angehörten, begab sich allerdings auf keine der im Vorfeld abgesteckten extremen Positionen, sondern war unter Wahrung der städtebaulichen und denkmalpflegerischen Belange eher um einen Interessenausgleich bemüht. Es bevorzugte weder die Rekonstruktion und Kopie der alten Gebäudegruppe noch den Abriss und Neubau, sondern nahm jene Entwürfen in die engere Wahl, deren Verfasser eine mehr oder weniger geschickte Verbindung von Alt und Neu versucht hatten. Der erste Preis ging an die bekannten Berliner Architekten Hans und Wassili Luckhardt. Bemerkenswert erscheint allemal, dass diese kategorischen Protagonisten des Neuen Bauens in diesem Fall das Alte schonten und in der lebendigen Baukörpergruppierung einfühlsam auf den historischen Maßstab des Platzraums Bezug nahmen. Die überwiegende Mehrzahl der Wettbewerbsteilnehmer sah übrigens den Erhalt des unbeschädigt gebliebenen Barockflügels vor.

   In dümmlicher Arroganz ignorierte man in Halle den Juryspruch und bestand auf den Totalabriss und kompletten Neubau an historischer Stelle. Der fachliche Meinungsstreit eskalierte vor allem auf Betreiben von Heilmann und Henselmann zu einer politisch-ideologischen Kontroverse mit voraussehbarem Ausgang. Am 9. Februar 1948 beschloss die Stadtverordnetenversammlung – vorerst noch mit Ausnahme des Barockflügels – den Abbruch des Rathauses, der noch im gleichen Jahr erfolgte. Man war auf die rasche Schaffung vollendeter Tatsachen bedacht, denn zahlreiche Stimmen mit Gewicht verurteilten den böswilligen Zerstörungseifer: die Denkmalpflegebehörden, der Architektenbund, der Verband bildender Künstler.

   Immerhin räumte Adolf Heilmann am 17. Mai 1949 ein: „Nachdem die Trümmer des alten Rathauses und des Waagegebäudes beseitigt sind, ist die städtebauliche Lücke, die der Marktplatz an seiner Ostseite bietet, doppelt fühlbar geworden. Der Platz muß wieder baulich geschlossen werden, damit ein allseitiges räumliches Gleichgewicht wiederhergestellt wird.“ So wurde im Herbst 1949 ein zweiter, nun auf sieben geladene Architekten begrenzter Wettbewerb ausgeschrieben, dessen trostlose Ergebnisse in ihrer brutalen Massenhäufung an die offiziöse Paradearchitektur der NS-Zeit erinnern. Gleichwohl wiesen die von einer beispiellosen Ignoranz zeugenden Entwürfe den Weg aus der Schockstarre. Sie wirkten offenbar als Weckruf. Als nämlich die Vertreter der SED in einer öffentlichen Stadtverordnetenversammlung am 19. Dezember 1949 den Antrag auf Abriss des im Krieg völlig intakt gebliebenen, zu den Hauptwerken des halleschen Barocks zählenden Seitenflügels des Rathauses stellten, stimmte die Mehrzahl der Abgeordneten dagegen. Man hatte das Stimmverhalten falsch eingeschätzt. Na und! Das Votum wurde nach dem Muster guter sozialistischer Demokratie ignoriert und am 10. Juli 1950 der Auftrag für den Abbruch erteilt, der trotz aller Proteste noch im gleichen Jahr als eine willkürliche, eindeutig widerrechtliche und ungesetzliche Handlung erfolgte.

   Lange herrschte Stille. Die endlich 1993, 1996 und 1998 vom Magistrat ausgelobten Wettbewerbe um die Bebauung des Rathausgeländes an der Ostseite des Marktplatzes erbrachten trotz reger Beteiligung durchweg unbefriedigende Resultate. Und auch die inzwischen entstandenen wuchtigen Kaufhausbauten, wovon das eine nun leider auf Dauer den Platz der Waage besetzt hält, verstärken in ihrer auftrumpfenden Dominanz eher die Zweifel, dass sich mit den Mitteln der modernen Architektur eine Reparatur oder gar integrative Vollendung des verletzten Stadtraums erreichen lässt. Umso lebhafter rückt neuerdings der von der Stiftung Altes Rathaus angeregte und betriebene, an der Geschichte orientierte Wiederaufbau in den Fokus des öffentlichen Interesses.
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